Rückblick auf die Jahrestagung 2014 von Plattform e. V.

Plattform 2014

Letzte Woche war ich zur Plattform Jahrestagung. Die Plattform ist ein Verein, der sich mit menschlichen Faktoren beschäftigt, die eine große Rolle bei sicherheitsrelevanten Themen spielen. Dazu zählen z. B. Aspekte wie Stress, Entscheidungen, Arbeit im Team, Kommunikation und viele andere, die einen großen Beitrag für die Sicherheit leisten.

Immer wieder hört man bei Unglücken von „menschlichem Versagen“. Diese Zwischenfälle zu reduzieren ist Ziel der Plattform. Und die Erkenntnisse zum Thema Human Factors sind auch für die Arbeit von Krisenstäben relevant.

Über den Verein und die bevorstehende Jahrestagung hatte ich neulich hier bereits einen Artikel veröffentlicht.

Aber nun zur Tagung, die vom 14. bis 16. Mai 2014 in Lohr am Main stattfand.

Die Plattform Jahrestagung

Schwerpunktthema war dieses Jahr die Vorbereitung auf kritische Situationen – Human Factors Methoden, Inhalte und Trainerkompetenzen.

Die Tagung war wie jedes Jahr gut besucht. Es waren insgesamt über 50 Teilnehmer aus der Luftfahrt, Schifffahrt, Raumfahrt, Industrie, sowie von Sicherheitsbehörden, Kliniken, Polizei, Feuerwehren und Universitäten dabei.

Es gab jede Menge spannende Vorträge und Arbeitsgruppen, die gefüllt waren mit geballtem Expertenwissen.

Und vor allem das Netzwerken mit soviel interessanten Menschen war wieder total informativ und bereichernd.

Vorträge

Das Programm war sehr umfangreich und spannend. Es gab insgesamt 9 Vorträge und 9 Arbeitsgruppen. Alle hatten verschiedene Schwerpunkte. Ich kann sie leider nicht alle wiedergeben, dafür gab es zuviel Input. Aber eine kleine Übersicht findet sich im Folgenden.

Dr. Babette Fahlbruch (TÜV Nord), Dr. Günter Horn (Horn Engineering), Peter Beer (crew-resource-management) und Dr. Gesine Hofinger (Team HF) haben untersucht, inwieweit die Ausbildung von Human Factors in Gesetzen und Vorschriften ihrer Disziplinen verankert sind.

In der Luftfahrt sind die menschlichen Faktoren bereits als relevante Faktoren erkannt und die entsprechende Ausbildung ist verpflichtend.

In der Industrie ist das Thema Human Factors eher nachrangig angeordnet. Die Medizin hat hier noch keine Vorschriften erlassen. Menschliche Faktoren haben allein durch die Themen Patientensicherheit und Qualitätsmanagement eine Bedeutung erfahren.

Letzlich stellen wir fest, dass es in vielen Bereichen leider immer Unfälle oder Katastrophen bedarf, um das Thema wieder in die Köpfe der Menschen zu bringen und so wieder einen Schritt weiter zu kommen.

Dr. Harald Schaub von der IABG referierte über Human Factors in ausgewählten Branchen. Er zeigte einen spannenden Rundumschlag von verschiedenen Arbeitsfeldern, in denen es zu Schadensfällen kam, weil menschliche Faktoren negative Einflüsse auf die Sicherheit hatten.

Besonders gefallen hat mir eine Anekdote: Er berichtete von einer Diskussion in der jemand der Meinung war, dass Human Factors Training nicht so wichtig für die Sicherheit ist und vieles auch Glückssache sei. Harald Schaubs Reaktion: Ich habe festgestellt, dass ich mehr Glück habe, je mehr ich vorher geübt habe.

So ist das wohl!

Dr. Nanda Höfels von der Deutschen Flugsicherung hat nach Möglichkeiten gesucht, wie Human Factors Trainer am besten das nötige Wissen erlangen können.

Sie ist dabei auf ein Angebot gestossen, das alle relevanten Themen lehrt. Leider hat dieses aber einen Umfang von über 600 Stunden.

Dass sich hierfür viele Teilnehmer aus den Sicherheitsbereichen findet, ist eher unwahrscheinlich. Insofern gilt es hier wie auch sonst fast überall zu gucken, wie man benötigtes Wissen möglichst kompakt in weniger Zeit vermittelt bekommt.

Kai-Uwe Strelow von der Universitätsmedizin Mainz stellte die Unterschiede und Erfolgsquoten von Feedback und Debriefing gegenüber.

Als Ergebnis kam hier heraus, dass in Untersuchungen das Debriefing einen deutlich hören Lernerfolg für die Teilnehmer bietet als ein reines Feedback. Eine interessante Erkenntnis, die wir sicher alle bei den nächsten Gelegenheiten beachten werden.

Der zweite Tag begann mit einem ausgesprochen spannenden Vortrag von Dr. Tanja Pullwitt von Lloyd`s Register Consulting in Aberdeen. Der Vortrag hiess „Managing Pressure – Human Factors needed to keep the oil in the pipes“.
Sie beschäftigt sich mit der Sicherheit von Öl- und Gasplattformen in der Nordsee. Mehr über die Arbeitsweisen und kritischen Bereiche von solchen Plattformen zu erfahren war ungemein spannend!
Besonders beeindruckend fand ich eine Statistik, wie fehleranfällig Menschen unter Stress werden: Trainierten Menschen, die keinen Stress haben, passieren nur in 1 von etwa 1.000 bis 10.000 Fällen Fehler. Wenn sie aber unter Stress stehen, sinkt diese Quote auf 1 von 2.

Dr. Walter Schlittenhardt von der Helfensteinklinik in Geislingen hat über die Einführung von Checklisten im Krankenhaus berichtet.

Auch wenn die Einführung der Checklisten zunächst skeptisch betrachtet wurde: Fakt ist, dass sie vieles vereinfachen und die Arbeit sicherer machen. Schlittenhardt konnte letztlich mit vergleichbaren Beispiele aus der Luftfahrt überzeugen.

Ich selbst habe einen Vortrag über die Einbindung von Human Factors in die Krisenstabsausbildung gehalten. Da der Bedarf an Ausbildung für Krisenstäbe sehr breit gefächert ist, ist es sinnvoll, Human Factors möglichst in allen Ausbildungsformen mit einzubinden, soweit dies möglich ist.

Peter Beer hat noch einen zweiten Vortrag gehalten zu der Frage, ob CRM ein wirksames Sicherheitsinstrument ist. Hinter CRM verbirgt sich das sogenannte Crew resource management, also ein Training der Human Factors für Flugzeugbesatzungen, um die Sicherheit an Bord zu erhöhen.

Schwierig ist hier immer die Überprüfbarkeit, da es keine Vergleiche zwischen Flugzeugen mit und ohne CRM-trainierte Crews gibt.
Untersuchungen haben aber belegt, dass CRM sinnvoll ist. Sein Fazit: Nicht auf Studien warten, die belegen, dass Human Factors Training effektiv ist, sondern machen.

Mareike Mähler hat über ein neues Forschungsprojekt zur Evaluation der Multiplikatorenschulung für die Führungskräfteausbildung im Bereich PSNV (Psychosoziale Nachversorgung) berichtet. Ein schwieriger Auftrag: Zum einen ist die Aufgabe PSNV nicht einheitlich gestaltet, zum anderen müssen sie letztlich die Erhebung bei den PSNV-Führungskräften machen, die von den Multiplikatoren ausgebildet wurden. Das Projekt ist bei der Uni Jena in der Forschungsstelle FINKA angesiedelt und läuft noch bis Juli 2016. Ich bin gespannt auf die Ergebnisse!

Arbeitsgruppen

Es gab 9 Arbeitsgruppen. Da immer drei Gruppen parallel liefen, mussten wir uns für insgesamt drei entscheiden. Hier meine kurzen Zusammenfassungen der drei, die ich besucht habe.

Meine erste AG „Strategisches Problemlösetraining“ von Günter Schicht, brachte uns ein Modell zur Problemlösestrategie in kritischen Situationen näher.
Er hat uns ein Modell zur Problemlösestrategie in Krisenstäben zunächst vorgestellt und danach haben wir es in kleinen Gruppen getestet. Wir hatten eine kritische Aufgabe zu lösen und diese war anhand der Strategie zu lösen.
Dabei wurde mir wieder klar, wie wichtig es ist, dass alle im Stab sich ihrer Rollen und der der anderen bewusst sind.

Die zweite Arbeitsgruppe am ersten Tag war die Planspielgruppe bei Rudi Heimann von der Polizei Hessen.

Auch die war ausgesprochen spannend. Unsere Aufgabe war es, die Rollen einer Raumschiff-Crew einzunehmen. Während der Übung gab es natürlich einen Zwischenfall, an Hand dessen wir unsere Human Factors Kompetenzen beweisen mussten.

Besonders interessant war es diesmal, dass die zuvor ausgewählten Beobachter nicht nur die Teilnehmer, sondern auch den Dozenten beobachten und bewerten sollten.
Das war eine tolle Sache, weil wir so nicht nur Einiges zu den Human Factors der Teilnehmer, sondern auch über die des Trainers gelernt haben.

Meine letzte Arbeitsgruppe beschäftigte sich mit der Ereignisanalyse. Die Methode ist hochspannend, um nach Zwischenfällen oder Unglücken zu ermitteln, an welchen Stellen Verbesserungspotential in den jeweiligen Prozessen besteht.

Geleitet wurde die Gruppe von Dr. Babette Fahlbruch vom TÜV Nord sowie Juliane Jung und Hans Maier von SOL-VE.

Wir bekamen die Protokolle zu einem fiktiven Zwischenfall in einem Chemiewerk und hatten nun die Aufgabe, die kritischen Momente herauszufinden. Auch wenn wir nicht lange Zeit hatten; die Methode bietet großartige Möglichkeiten, um kritische Prozesse zu entdecken und Optimierungsmöglichkeiten herauszuarbeiten.

Das Tagungshotel

Die Tagung fand übrigens im schönen Hotel Franziskushöhe in Lohr am Main, mitten im Spessart statt.

Das Hotel kann ich für Tagungen uneingeschränkt empfehlen: Das Haus liegt auf der Höhe mit schönem Ausblick über das Tal, schöne Zimmer, super Essen, freies und stabiles WLAN sowie sehr nettes Personal. Außerdem konnte man sich kostenlos DVDs an der Rezeption ausleihen. Besser geht es nicht!

Weitere Informationen zu Human Factors

Wer jetzt Interesse an dem Thema Human Factors gefunden hat, schaut am besten auf der Homepage der Plattform vorbei. Dort gibt es weitere Informationen über aktuelle Veranstaltungen und vor allem auch über die mittlerweile sehr umfangreiche Buchreihe.

Mein Dank

Ich möchte mich an dieser Stelle bei allen Teilnehmern und Referenten bedanken! Es waren drei wunderbar lehrreiche Tage!

Und mein besonderer Dank geht an Britta von Fuchs-Nordhoff und Gesine Hofinger für die wie immer großartige Organisation und Gastfreundschaft!

Ich freue mich schon auf`s nächste Jahr!

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


*