Vorbereitung ist alles – Zum Umgang mit Spontanhelfern

SpontanhelferSchon wieder war ich unterwegs. Diesmal Anfang Mai beim Kongress “Soziale Medien, Spontanhelfer und Bevölkerungsschutz” an der AKNZ. Da gab es viel Input zum Thema Umgang mit Spontanhelfern. Die aus meiner Sicht wichtigsten Punkte habe ich Ihnen in diesem Artikel zusammengestellt.

Spontanhelfer – Eine neue Entwicklung?

Spontanhelfer sind Menschen, die ihre Arbeitskraft in einem Katastrophenfall zu Verfügung stellen möchten. Sie sind nicht Mitglieder in Hilfs- oder Katastrophenschutzorganisationen und verfügen über ganz unterschiedliche Vorraussetzungen.

Im Grunde gab es eine Art von Spontanhelfern schon immer. Früher nannte sich das Nachbarschaftshilfe. Auch bekannt ist die Hilfe von Anwohnern bei größeren Einsätzen, wenn sie die Einsatzkräfte mit Essen und Getränken versorgen. So gesehen ist das also kein neues Phänomen.

Allerdings hat sich die Situation durch die Sozialen Medien deutlich verändert. Spätestens bei den Hochwassern hat man gesehen, dass sich Menschen über Facebook & Co. organisieren, um zu helfen. Plötzlich stehen Mengen an Menschen bereit und möchten den Betroffenen helfen. Eine tolle Geste aus Sicht der Bevölkerung, aber für die Einsatzkräfte wirft es zumindest Fragen auf.
Die Erfahrungen der Vergangenheit dabei sind vielfältig:

  • Wertvolles Bürgerengagement und Unterstützung
  • Teilweise Unsicherheit bei den Einsatzleitungen, wie Helfer eingebunden werden können
  • Unklarheit über Kompetenzen und zeitliche Verfügbarkeit der Freiwilligen
  • Spontanhelfer, die aus Unwissenheit Schaden angerichtet haben oder sich sogar in Gefahr gebracht haben

Warum Spontanhelfer einsetzen?

Deutschland hat gefühlt eine Vollkasko-Mentalität. Viele Bürger erwarten, dass der Staat sich um alle Eventualitäten kümmert und sorgen oft nicht mehr selber vor. Bislang sind wir vor großen Katastrophen weitestgehend verschont geblieben. Aber die Bürger auch für den Zivilschutz zu sensibilisieren ist eine große Chance beim richtigen Umgang mit Spontanhelfern. Sie lernen wieder, sich selbst zu helfen und werden im Bereich der öffentlichen Gefahrenabwehr aufgeklärt.

Die Begeisterung über Gruppen, die sich spontan zum Einsatz anbieten ist bei den Katastrophenschützern nicht immer ausgeprägt. Oft sind Lagen sowieso schon sehr komplex und die Kräfte sind alle ausgelastet. Dann auch noch Menschen einbinden, die ohne die nötige Schutzausrüstung ankommen und nur wenig Gefahrenbewußtsein haben?

Dennoch ist es oft sinnvoll, die Menschen, die helfen wollen, in die Abarbeitung eines Schadensereignisses einzubinden. Die zusätzliche Arbeitskraft kann eine wertvolle Unterstützung für die Einsatzkräfte und die Bevölkerung sein.
Wer die Angebote der Freiwilligen ablehnt, wird aller Voraussicht nach feststellen, dass die Menschen trotzdem helfen werden. Und dies dann ohne Abstimmung, was zu möglichen negativen Auswirkungen und einer Eigengefährdung führen kann.

Hinzu kommt, dass sich ein Teil der Spontanhelfer später als ehrenamtliche Helfer engagieren. Eine tolle Chance für die Stadt-Gesellschaft. Über die Dynamik kann man z. B. bei “Essen packt an” lesen, einer Organisation, die sich bei dem Sturm Eva Pfingsten 2014 gegründet hat und noch heute viele soziale Projekte stemmt.

Katastrophenschutz-Experte Andreas Karsten sagt, der Katastrophenschutz muss resilient sein. Dafür sind dezentrale Einheiten hilfreich. Und Spontanhelfer sind eine davon. Positiv an dieser Entwicklung ist, dass die Menschen aktiv werden und aus der Opferrolle heraus kommen.

Und mal nebenbei: Mögliche Meldungen in der Presse und im Social Web, dass willige Helfer abgelehnt wurden, wirft kein gutes Bild auf die zuständigen Behörden und wirkt schnell arrogant.

Spontanhelfer

Es gilt also, sich so auf eine Einbindung von Spontanhelfern einzustellen, dass diese zielgerichtet und sicher bei der Lagebewältigung helfen können.

Einbindung der Spontanhelfer

Wichtig ist es, sich möglichst vor einem Ereignis Gedanken darüber zu machen, wie Spontanhelfer eingebunden werden können.
Grundsätzlich ist klar, es gibt nicht DEN Spontanhelfer. Manch einer möchte nur bei diesem einen Ereignis unterstützen. Andere haben Interesse daran, sich bereits im Vorfeld für mögliche kommende Krisen zu registrieren. Auf beide Sorten sollte man sich einstellen.

DFV-Präsident Hartmut Ziebs berichtete über allgemeine Erfahrungen mit Spontanhelfern und darüber, wie sie in die Arbeit der BOS eingebunden werden sollten. Ebenso hat Dirk Hagebölling von der Feuerwehr Bochum seine Erfahrungen beim Sturm Ela 2014 gemacht. Jochen Stein von der AGBF hat ebenfalls die Position der AGBF dargestellt. Die Ergebnisse habe ich hier mal zusammengefasst.

  • Bereits im Vorfeld sollten entsprechende Zuständigkeiten im Haus festgelegt werden. Wer ist für die Führung der Spontanhelfer zuständig? Wie werden sie in Großeinsatzlagen eingebunden? Wer ist Ansprechpartner?
  • Die meisten Bundesländer haben die Vorgaben der FWDV 100 umgesetzt und haben für die Bewältigung von Katastrophen zwei Stäbe vorgesehen, die operativ-taktische Komponente (Führungsstab, Einsatzleitung) und die administrativ-organisatorische Komponente (Verwaltungsstab, Krisenstab). Zu klären ist daher auch, in welchem Stab das Thema Spontanhelfer angesiedelt werden soll.
    Die AGBF hat dazu die Meinung, dass dies beim Krisenstab angebunden werden sollte. Die Vorteile liegen auf der Hand: Da auch die Öffentlichkeitsarbeit vom Verwaltungsstab verantwortet wird, ist eine Abstimmung hier möglicherweise am einfachsten. Die Kräfte werden den operativen Kräften dann ähnlich wie Einheiten der Bundeswehr, die ebenfalls im Krisenstab verwaltet werden, zugewiesen.
  • Freiwillige sollten möglichst in die vorhandenen Strukturen eingebunden werden. Das funktioniert, wenn die Helfer der Behörde vertrauen. Auch dies ist oft ein Ergebnis der Qualität der Krisenkommunikation.
  • Einsatzmöglichkeiten für Spontanhelfer sollten vorgedacht werden. Die Grenzen vom Einsatz von nicht geschulten Menschen müssen dabei bedacht werden. Grenzen zeigen sich automatisch an Hand der jeweiligen Gefährdung der Aufgaben.
    Möglich ist z. B. der Einsatz von Spontanhelfern bei Aufräumarbeiten, beim Deichschutz, Versorgung von Einsatzkräften und der Bevölkerung oder auch beim Sammeln und Verteilen von Sachspenden.
  • Haftungs- und Versicherungsfragen müssen geklärt werden. Deutlich wurde: Grundsätzlich gelten sie als Verwaltungshelfer, wenn sie sich in der Verwaltungsstruktur unterordnen. Damit sind sie dann über die Gebietskörperschaft versichert. (Konkretes dazu in diesem Artikel)
  • Wenn es zeitlich möglich ist, sollten Helfer klassifiziert werden und so entsprechend ihrer besonderen Fähigkeiten und Möglichkeiten eingesetzt werden.
  • Ggf. sollte Material verteilt werden: Schutzausrüstung oder auch Westen / Kappen oder ähnliches zur Kennzeichnung sind hilfreich.
  • In die Versorgung der regulären Kräfte müssen auch die Spontanhelfer eingeplant werden. Bei belastenden Einsätzen gilt das auch für die Betreuung und Nachsorge der Freiwilligen.
  • Freiwillige müssen in die Lage und in ihre Aufgaben eingewiesen werden. Die Abläufe und Entscheidungen müssen kommuniziert und ggf. erklärt werden. Die Sprache sollte den Helfer angepaßt werden: “Zivilisten” sind die zielgerichtete Kommunikationsform des Einsatzdienstes nicht gewohnt. Eine eher partnerschaftliche Kommunikation ist hier sinnvoll.
  • Einsatzziele müssen kommuniziert werden, um alle auf ein gewünschtes Ergebnis einzuschwören.
  • Auch die Ansprache möglicher Spontanhelfer im Social Web muss in “Friedenszeiten” vorbereitet werden. Spontanhelfer können per Social Media gelenkt werden und an die vorgesehenen Einsatzorte geführt werden.
    Jan Müller-Tischer empfiehlt, als zuständige Behörde selber Social-Media-Gruppen für Spontanhelfer einzurichten und so proaktiv tätig zu werden. Oder auf die Dienstleistung des VOST zurückzugreifen (dazu weiter unten mehr).
  • Eine weitere wichtige Aufgabe ist es, Fakenews einzufangen. Das ist natürlich immer der Fall, aber gerade im Umgang mit Freiwilligen sollten Meldungen rund um deren Einsatz geprüft und ggf. korrigiert werden.

Spontanhelfer

Erfahrungen der Spontanhelfer

Dank eines ausgewogenen Referenten-Pools konnten wir auch Berichte zu den Erfahrungen von Menschen hören, die verantwortlich für die Bildung von Spontanhelfergruppen waren.

Münchner Freiwillige

Marina Lessig war im September 2015 am Münchner Hauptbahnhof tätig, als täglich tausende Flüchtlinge ankamen. Sie ist Vorstandsvorsitzende von „Münchner Freiwillige – Wir helfen e.V.“, dem Verein, der sich aus der Initiative damals entwickelt hat.
Aus der Not und dem Wunsch zu helfen heraus geboren, gab es “Learning by Doing”. Die Helfer lernten ständig dazu und organisierten sich immer besser.

Ihre Erfahrungen aus den Herausforderungen der Wochen im September 2015:

  • Zur Koordinierung der Arbeit wurde eine Einsatzzentrale vor Ort eingerichtet.
  • Es gab Abstimmungen der Spontanhelfer-Organisation mit der Polizei.
    München hilft
  • Um die Helfer koordinieren und alle Zeiten abdecken zu können wurde nach kurzer Zeit ein Schichtplan für die Helfer erstellt. Ganz pragmatisch mit dem Online-Terminplaner Doodle.
  • Der Austausch der Helfer wurde über Konferenzen organisiert. Wer nicht vor Ort dabei sein konnte, wurde per Videoanruf über Google Hangout eingebunden.
  • Um Presseanfragen beantworten zu können, wurde ein Pressesprecher bestellt.
  • Marina Lessig war als Beraterin im Krisenstab angesiedelt und konnte so die Kommunikation zur Behörde auf solide Füsse stellen.
  • Helfer wurden markiert und mit Westen ausgerüstet.
  • Es wurde deutlich, dass die Helfer während der Dienstzeiten Rückzugsmöglichkeiten für Pausen und Garderoben brauchten. Dem wurde dann nachgegangen.
  • Posts mit Spendenaufrufen über das Social Web wurden mit einem “Mindesthaltbarkeits-Datum” versehen, damit nicht zu viel Spenden ankamen, die dann wieder neue Probleme schafften.
    München hilft
  • Der Umgang mit Trollen, also Menschen, die im Netz provozierende Kommentare hinterlassen, wurde wie folgt gelöst: Es gab einen Journalisten im Team, der widerrum die Trolle getrollt hat. Er hat Kontakt zu den Trollen aufgenommen und diese so einfangen können.
  • Um die Helfer nicht allein zu lassen mit dem, was sie mit den Flüchtlingen erlebt haben, wurden ehrenamtliche Supervisoren eingebunden.

Essen packt an

Auch Markus Pajonk von Essen packt an berichtet, wie das Projekt entstanden ist. Beim Pfingststurm Ela 2014 gründet ein Bürger spontan die Facebook-Gruppe “Essen packt an”. So finden sich spontan viele Helfer zusammen, um Straßen von umgefallenen Bäumen zu räumen und Menschen zu helfen, die sich nicht mehr selber versorgen können. “Es entstand ein Wir-Gefühlt”, so beschreibt es Markus Pajonk.
Für den Erfolg des Projekts waren laut Pajonk die positive Gruppendynamik und der Spaß an der Sache verantwortlich.

Man organisierte nach Kurzem eine Orgagruppe, um die Arbeit der freiwilligen Helfer zu koordinieren. Die Versorgung und Betreuung der Helfer wurde durch das Deutsche Rote Kreuz Essen vorgenommen.

Auch die Spontanhelfer bekamen die Unsicherheit der Stadt Essen mit, wo sich die Verantwortlichen unsicher waren, wie sie mit ihnen umgehen sollten. Die Ängste betrafen Fragen der Versicherung, Sorgen vor schlechter Publicity, wenn die Stadt Hilfe Privater annehmen muss, Kontrollverlust und Sorge vor der Schnelligkeit der Spontanhelfer. Im persönlichen Kontakt konnten diese Fragen aber geklärt werden.

Ein paar Baustellen taten sich für die Helfer auf. Zu Spitzenzeiten beteiligten sich 4.500 Menschen. Die Organisation hatte keine Hierarchie; man musste sich erst finden. Zudem verstanden die Helfer das Amtsdeutsch der Behörden nicht. “Es brauchte einen Dolmetscher”, sagt Pajonk. Außerdem haben die Helfer auf Ablehnungen sensibel reagiert. Sein Tipp ist, Helfer nicht einfach abzulehnen, sondern ihnen eine Alternative anzubieten, mit der sie sich nützlich machen können.

Auch in Essen sieht man die Chancen, die sich aus solchen Aktionen ergeben: Ein Teil der Helfer konnte für das Ehrenamt begeistert werden. “Essen packt an” kümmert sich heute u. a. um Obdachlose, entfernt Riesenbärenklau und plant weitere Projekte.

Das Projekt VOST

THW-Chef Broemme stellte das Pilotprojekt VOST vor. Von den derzeit etwa 20 Kräften wird in Einsätzen das Netz zu einsatzrelevanten Erkenntnissen ausgewertet und den zuständigen Stellen zu Verfügung gestellt.
Ziele der Einheit sind der Schutz der Einsatzkräfte vor Ort, schnelle Erkenntnissgewinne in kritischen Lagen und eine bessere Einordnung der Lage zu ermöglichen.
Konkret arbeitet das Team bei Einsätzen zu folgenden Themen:

  • Recherche / Lageerkundung bei unklaren Lagen, Aufdecken und Korrigieren von Fakenews
  • Crisis-Mapping, also Kartenerstellung von Krisengebieten auf Grund der im Netz auffindbaren Daten
  • Freiwillligen-Management
  • Warnung und Information der Bevölkerung

Derzeit ist man dabei, das Projekt in eine feste Einrichtung zu überführen. Behörden können das Team dann für Einsätze im Rahmen der Amtshilfe anfordern.

Fazit

Spontanhelfer bieten viele Chancen, den Katastrophenschutz auf breitere Füsse zu stellen, eine Vorbereitung ist aber unabdingbar. Also, los geht´s!

Das waren zwei spannende Tage mit wertvollen Vorträgen, guten Gesprächen und viel neuem Wissen. Vielen Dank ans BBK für die Ausrichtung der Veranstaltung und besonders an Herrn Voßschmidt von der AKNZ für die gelungene Organisation und Moderation!

Spontanhelfer

Weitere Informationen zu Spontanhelfern

Es gibt verschiedene Schriften, die sich ebenfalls mit dem Thema Spontanhelfer beschäftigt haben.

Konzepte, Papiere, etc.:

Projekte:

  • App Ensure: Verbesserte Krisenbewältigung im urbanen Raum durch situationsbezogene Helferkonzepte und Warnsysteme
  • App- und IT-Entwicklung für die Organisation ungebundener Vor-Ort-Helfer: KUBAS
  • Projekt “Smarter: Ad-hoc-Kommunikation bei Netzausfall
  • Projekt Kokos: Unterstützung der Kooperation mit freiwilligen Helfern in komplexen Schadenslagen

1 Kommentar

  1. Pingback: Warum Sie den Krisenstab auch für kleinere Lagen nutzen sollten - maike-kranaster.demaike-kranaster.de

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