Warum Sie den Krisenstab auch für kleinere Lagen nutzen sollten

Immer wieder erlebe ich, dass Kommunen und Kreise Hemmungen haben, den Krisenstab auch für kleinere Lagen einzusetzen. Das finde ich sehr schade, denn es gibt kaum bessere Trainingsmöglichkeiten für die Stabsmitglieder als eine Echtlage.

Bei den Ereignissen der letzten Monate habe ich mich oft gefragt, ob da wohl auch ein Krisenstab tätig war. Bei einigen war es offensichtlich, dass das nicht der Fall war. Eine vertane Chance.

Warum Krisenstäbe nicht so oft eingesetzt werden, darüber kann man nur spekulieren. Ich vermute, die Gründe sind sehr unterschiedlich und auch von der Lage abhängig.

Warum werden Krisenstäbe so selten eingesetzt?

Häufig erlebe ich, dass die Feuerwehr als Allzweckwaffe gesehen wird, die “das alles schon regelt”. Die Feuerwehren sind auch sehr leistungsfähig. Aber dennoch gibt es jede Menge Aufgaben, die verwaltungsseitig geregelt werden müssen oder wo der Krisenstab die Feuerwehr unterstützen kann.

Manchmal hat das Ganze auch damit zu tun, dass Feuerwehr ein wenig abschätzig auf die Verwaltung herabsieht und so das Potential eines Krisenstabes nicht erkennt. Das will ich gar nicht bewerten; ich kann dabei beide Seiten verstehen. Ungeübte Krisenstäbe wirken sicher nicht immer souverän; die Feuerwehr tritt da oft selbstbewußter auf. Dennoch: Die Verwaltung hat ihre Stärken in ihren eigenen Bereichen. Und diese werden oft genug in einer Krise benötigt.

Ich vermute, dass es oft auch eine Art Selbstschutz der Verantwortlichen ist, den Krisenstab nicht einzuberufen: So wirkt die Lage noch nicht zu gewaltig. Wenn erst mal der Krisenstab kommen muss, dann ist es echt ernst, so oft das Gefühl.
Vielleicht soll auch der Bürger (oder in Unternehmen der Kunde) nicht beunruhigt werden. Manch einer mag die Notwendigkeit, einen Stab einzusetzen, auch als Eingeständnis sehen, die Lage nicht mehr im Griff zu haben.

Immer wieder gib es Lagen, deren Zuständigkeit zuallererst bei der Polizei liegt. In so einem Falle entscheiden sich Verantwortliche der Stadt / des Kreises oft gegen einen Einsatz des Krisenstabs. Aber auch bei “Polizei-Lagen” können Aufgaben für die Verwaltung anfallen, die im Krisenstab zielgerichteter umgesetzt werden könnten als in der normalen Orgastruktur.

Bei Kreisen ist die Situation noch mal besonders: Die Zusammenarbeit mit der kreisangehörigen Gemeinde / Kommune gestaltet sich nicht immer einfach. Den Krisenstab da einzuberufen und damit auch die Zuständigkeit von der untersten Ebene auf die eigene zu ziehen, ist noch mal eine ganz andere Entscheidung als bei kreisfreien Städten.

Ab wann wird der Krisenstab eingesetzt?

Nun ist die Frage: Welche Schwelle gilt für den Einsatz des Krisenstabes? Wo befinden wir uns noch im “Normalzustand” und wo beginnt die Größenordnung, für die es einen Krisenstab braucht? Das ist sicher nicht immer eindeutig zu definieren.

Der Erlass “Krisenmanagement” des Landes NRW stellt die Einsatzmöglichkeiten z. B. wie folgt dar:

Unter dem Begriff “Krisenmanagement” im Sinne dieses Erlasses werden alle Maßnahmen zur Prävention, Erkennung, Bewältigung und Nachbereitung von Krisenfällen (Großeinsatzlagen, sich anbahnende oder bereits eingetretene  Katastrophe) zusammengefasst. Zu einem effektiven und effizienten Krisenmanagement gehört die Schaffung von konzeptionellen, organisatorischen und verfahrensmäßigen Voraussetzungen, die eine schnellstmögliche Zurückführung einer eingetretenen außergewöhnlichen Situation in den Normalzustand unterstützen. Dabei liegt der Kern der Krisenbewältigung auf Ebene der Kreise und kreisfreien Städte.

(…)

Die Hinweise gelten für die Stabsarbeit bei Großeinsatzlagen bis hin zur Katastrophe. Die beschriebene Organisation ist auch geeignet, um – außerhalb von Großeinsatzlagen oder Katastrophen – insbesondere Verwaltungsaufgaben zu erledigen, die im originären Zuständigkeitsbereich der Behörde liegen und unvorhergesehen, kurzfristig sowie gegebenenfalls unter Beteiligung mehrerer Fachbereiche erledigt werden müssen.

Da die Grenzen nicht ganz klar zu ziehen sind, sind Sie bei der Beurteilung relativ frei. Um eins vorweg zu schieben: Mir geht es bei meinen Ausführungen schon um kritische Lagen. Ich plädiere nicht dafür, für jede Kleinigkeit den Krisenstab zusammentreten zu lassen. Aber es gibt gute Gründe, die Meßlatte nicht ganz so hoch anzusetzen.

Warum Sie den Krisenstab auch bei kleineren Lagen einsetzen sollten

Es gibt verschiedene Gründe, die für mein Verständnis absolut dafür sprechen, den Krisenstab auch bei niederschwelligen Lagen einzusetzen. Diese zeige ich im Folgenden auf.

Strukturen nutzen und trainieren

Wenn Sie den Krisenstab theoretisch gut vorbereitet haben, sollten Sie ihn auch bei anspruchsvolleren Herausforderungen einsetzen. Wieso nutzen Sie nicht eine größere Evakuierung oder komplexe und kritische Aufgabenstellungen dafür, um sie im Stab zu organisieren und umzusetzen?
Hier können Sie auf gute Strukturen zurückgreifen und Unterstützungsdienste der Koordinierungsgruppe nutzen. Eine gut geführte Lagedarstellung, das Einsatztagebuch und auch die übrigen Aufgaben der Koordinierungsgruppe werden Ihnen bei herausfordernden Aufgaben gute Dienste erweisen.

Ich habe immer wieder mitbekommen, dass für Lagen unterhalb der Krisenstabsschwelle Arbeitsgruppen gebildet wurden und hier ähnliche Strukturen aufgebaut wurden wie im Stab. Das ist zum Einen viel zu viel Aufwand, zum Anderen vergibt man so die Chance für die Stabsmitglieder, etwas zu lernen.

Jeder Einsatz ist besser als eine Übung

Jetzt kann man dagegen halten, dass die Stäbe ja schon in den Übungen lernen, wie Krisenstabsarbeit funktioniert. Das stimmt aber nur bedingt. Das einzelne Stabsmitglied ist in der Regel viel zu selten in Übungen und Ausbildungen eingebunden. Wenn alle Schichten einer Funktion regelmässig beübt werden sollen, müßten je nach Schichtstärke um die drei Übungen pro Jahre durchgeführt werden.
Hinzu kommt: Manches kann man einfach nur im realen Einsatz lernen. Durch Übungskünstlichkeiten können Übungen nie 100% des echten Einsatzes widerspiegeln. Und manche Fallstricke fallen auch erst im Echtbetrieb auf.
Viele Stäbe üben außerdem “nur” in den Schulen und Ausbildungseinheiten des Landes oder Bundes. Ein Einsatz in den eigenen Räumen bringt da immer neue und wichtige Erkenntnisse.

Schnelligkeit des Krisenstabs

Ein großer Vorteil des Krisenstabes ist außerdem, dass Sie Dinge schnell auf die Straße bekommen. Durch die außerordentliche Struktur sind Problemstellungen in der Regel viel schneller zu lösen und umzusetzen. Versuchen Sie zeitkritische Aufgaben zu regeln, ist das erfahrungsgemäß im Krisenstab deutlich einfacher als in der gewohnten Verwaltungsstruktur.

Vor die Lage kommen

Der Fokus der Krisenstabsarbeit ist das “Brainstorming”, das gemeinsame Überlegen, welche Probleme durch die Lage entstehen.

Dabei geht es darum, “vor die Lage zu kommen”, also zu überlegen, wie sich die Situation für die nächsten Tage und ggf. Wochen auf die Stadt / den Kreis auswirkt.
Eher als die Einsatzleitung der Feuerwehr haben wir im Krisenstab oft die Zeit, vorauszudenken und Lageentwicklungen zu antizipieren. Müssen Veranstaltungen abgesagt werden? Welche Auswirkungen hat das Ereignis auf die Bürger, Schüler, alte Menschen, auf die eigenen Beschäftigten? Wie soll Medienarbeit die nächsten Tage stattfinden, was ist mit einem Bürgertelefon und einer Personenauskunftsstelle? Muss man ggf. Spontanhelfer koordinieren?

Oftmals ergeben sich in Krisen auch Aufgaben, die im Alltagsgeschäft nicht zugeordnet sind. Sie werden oft übersehen, wenn jeder nur auf seinen Zuständigkeitsbereich schaut.

Klein anfangen

Es macht Sinn, die Mitglieder des Stabes erst mal bei kleineren Lagen an die Stabsarbeit heranzuführen. Für Verwaltungsmitarbeiter ist die Stabsarbeit ein ungewohntes Feld. Sie erst dann einzusetzen, wenn auf deutsch gesagt “die Kacke am Dampfen ist”, ist nicht fair. Eine echte Krise benötigt gut eingeübte Strukturen und kompetente Akteure. Diese sollten daher ihre Routinen möglichst auch bei kleineren Lagen erprobt haben.

Benennung des Stabes

Wenn Sie aus PR- oder Imagegründen zögern, einen “Krisenstab” einzuberufen, dann nennen Sie ihn doch nach aussen hin einfach anders. Sie können die gleiche Struktur nutzen, aber das müssen Sie ja nicht kommunizieren.

All diese Punkte sprechen dafür, den Krisenstab auch bei niederschwelligen Lagen einzusetzen. So bekommen alle mehr Routine in dieser ungewohnten Arbeitsform.
Wenn Sie dann noch eine strukturierte Nachbereitung des Einsatzes vornehmen, werden Sie für die nächste Lage ganz weit vorne dabei sein. Wie man eine zügige Nachbereitung von Einsätzen und Übungen gestalten kann, habe ich in meinem Artikel des letzten Monats beschrieben.

Wie sehen Sie dieses Thema? Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Einsatz von Krisenstäben gemacht? Ich freue mich über Ihre Kommentare unter diesem Artikel.

Und zuletzt: Wenn Sie mehr rund um die Themen Krisenstäbe und Social Media wissen möchten, melden Sie sich doch für meinen kostenlosen Newsletter an. Hier geht‘s lang. 

Titelbild: Pixabay: Composita

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1 Kommentar

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